Logo Sunflower

Books

Cover
Lukrez
KEIN ORT
2014
Titel

Lukrez. Über die Natur der Dinge (de rerum natura). Neudruck

Bemerkung

in deutsche Prosa übertragen und kommentiert von Klaus Binder

Abstract

Fast unglaublich war, was der italienische Humanist Poggio Bracciolini in einem deutschen Kloster entdeckte – kurz nachdem in Konstanz Johannes Hus als Ketzer verbrannt worden war: ein Gesang aus der Römerzeit, der in wunderbarer Poesie vom Bau der Welt erzählt und wie die Menschen darin ein glückliches Leben führen können – ohne Angst vor dem Tod und ohne falsche Furcht vor Göttern. Die nämlich – so Lukrez – sollen den Menschen getrost egal sein. Eine philosophisch fundierte Feier der Natur, des Lebens und der Liebe.

Es dauerte Jahrzehnte, bis das Buch im Druck erschien, und noch Giordano Bruno, der sich auf es berief, wurde wegen Ketzerei verbrannt. Aber der Siegeszug dieses unendlich schönen, freien und unvoreingenommenen Textes war nicht mehr aufzuhalten: Bruno, Galilei, Montaigne, Shakespeare, Gassendi, die Enzyklopädisten, Sterne, Wieland, Friedrich II., Goethe, Kant und Karl Marx, Nietzsche, Albert Einstein und Camus gehörten zu den Kennern und Verehrern des Buchs.

Der Übersetzer Klaus Binder bemerkte bei seiner Arbeit an Stephen Greenblatts Bestseller über Lukrez , dass keine der vorliegenden deutschen Übersetzungen für ihn Schönheit und inhaltliche Raffinesse des Lukrez’schen Gedichts zufriedenstellend wiedergibt. Also machte er sich selbst an die Arbeit und legt hier – wie einst z. B. Wolfgang Schadewaldt mit Homer – eine verständnisfördernd kommentierte, rhythmisierte Prosaübersetzung vor.

Bilder
Links
SF-Referenz

CM-200021

RFID

200021

RFID-Status

nicht zugewiesen

Buch-ID

200021

Erstellt

13.11.2020

Letzte Änderung

26.05.2022

Änderung durch

jconzett

Text Jürg

Ein Gedicht, ein Gesang, eine Universalgeschichte des Wissens, De rerum natura ist in seiner sprachlichen Schönheit aus dem antiken Latein in dieser Weise bisher nicht ins Deutsche übertragen worden. Klaus Binder hat sich dieser Aufgabe angenommen und dabei das Versmaß außer Acht gelassen, um uns mit größerer Freiheit, einen durch Jahrtausende fremden Text, in seiner Wortgewandtheit und in seiner Poesie nahe zu bringen. Es ist ein Lesevorschlag, der die Fragen, Ecken und Kanten und auch die Begeisterung und den Wissensreichtum, auf den er gestoßen ist, in einem sehr umfangreichen Anmerkungsteil im Anschluss an den Text sichtbar macht.

Lukrez‘ Unternehmung in diesem Werk ist nichts geringeres, als die Lehre seines geistigen Lehrers Epikur zu entfalten, „der als Erster den Plan des Lebens entdeckte, den man nun Philosophie nennt; er der durch seine Kunst, durch sein Wissen unser Leben aus wildstürmenden Wellen, aus tiefer Dunkelheit gerettet hat, in windstilles Wasser geführt und in strahlendes Licht.“

Auf den ersten Blick scheint Lukrez fast der Urvater der modernen europäischen Empirie zu sein. Bei der Lektüre seiner Theorie der Teilchen, die in ewiger Bewegung sich zu immer neuen Dingen zusammenschließen und sich je nach Beschaffenheit mit Erfolg reproduzieren, um schließlich von anderen Dingen verdrängt zu werden, sind wir gleichermaßen an Charles Darwin und Albert Einstein erinnert.

Und doch erweist sich Lukrez‘ Ansatz, die Welt zu verstehen, als vollkommen anders. Als treuer Schüler des Philosophen Epikur ist für ihn Wissen nur durch die Sinne zu erfahren, wie es in der semantischen Beziehung zwischen den Wörtern "ertasten" und "verstehen" in dem auch heute geläufigen Wort "begreifen" zum Ausdruck kommt. Wo die moderne Wissenschaft sich fast ausschließlich auf Hilfsmittel stützt, um die Begrenzung der menschlichen Sinne mit Technischem zu überwinden, da legitimiert bei Lukrez die sinnliche Vorstellungskraft das generierte Wissen. So führt er um die Vorstellung von den Atomen erfahrbar zu machen, von den Urelementen oder den Keimen der Dinge, die sich ohne Unterlass zu Dingen zusammenfügen, sie zerfallen lassen und wieder neu hervorbringen, das Gleichnis der Sonnenstäubchen an: Die unergründbaren Bewegungen von sonst verborgenen Staubteilchen im leeren Raum, in einem durch das Fenster dringenden Sonnenstrahl sichtbar gemacht, ist eine Analogie, die auf den Wesenskern unserer Welt auf nahezu poetische Weise deutet.

Sowohl die antiken Römer als auch später die Christen sahen in dem 100 v. Chr. geborenen Dichter ein Ärgernis. Die einen, da er die Notwendigkeit von religiöser Furcht und sakralem Opfer bestritt und auch Ruhm, Ehre und ihre Kriege anprangerte, die anderen sahen in ihm einen Atheisten, der sie selbst und ihr Religionssystem bedrohte.

Der Naturglaube des römischen Dichters sprengte in seiner mystischen Dimension tatsächlich jegliche Religionszugehörigkeit. Da er den Menschen als Teil des Absoluten sieht, nicht getrennt oder als etwas anderes, sondern aus dem gleichen Stoff wie alles, versucht er das Absolute erfahrbar zu machen. Bei ihm sind der Körper, die Seele und die Sinne aus eben jener gleichen Substanz: „Die Dinge sind es, die sich gegenseitig beleuchten.“

Der Lukrez zugeschriebene Atheismus, der, aus der Gewissheit der Vergänglichkeit von allem Lebendigen und Dinglichen, auch von der Seele spricht, verheißt aber demjenigen Erlösung und spirituellen Frieden, der weder von Begehren noch von Angst geleitet wird: „Der Tod, darum ist uns nichts, geht nicht das Geringste uns an“.

Folgt man dem großartig übersetzten Werk und taucht ein in das Modell der wirbelnden Teilchen, das in absoluter Konsequenz vorgeführt wird, so offenbart sich ein Wesenskern, der auch in den Abweichungen zu unserem heutigen Wissen, in seinem eigenen Wissenssystem überzeugen kann oder aber eine ungewollte Komik erzeugt. Der wunderbar, durch ein Vorwort und eine Lesehilfe des Übersetzers, eingeführte Text lädt in dem auch äußerlich sehr schön gearbeiteten Band zu immer neuer, erkundender und genüsslicher Lektüre ein: „Lukrez lesen heißt, (wieder) lernen, sich solchem Taumel und Tanz zu überlassen.“

Rezension von Dagmar Röhrlich:

Mehr als 2.000 Jahre alt ist der Text von Titus Lucretius Carus alt, und doch liest sich sein „De rerum natura“ überraschend modern, wenn man ihn in moderne Prosa überträgt. Der Übersetzer Klaus Binder hat es gewagt – und herausgekommen ist eine fesselnde Übertragung der Schrift eines antiken Philosophen.

Mehr als 2.000 Jahre alt ist der Text von Titus Lucretius Carus alt, und doch liest sich sein „De rerum natura“ überraschend modern, wenn man ihn in moderne Prosa überträgt. Der Übersetzer Klaus Binder hat es gewagt – und herausgekommen ist eine fesselnde Übertragung der Schrift eines antiken Philosophen.

„Die Urelemente also sind aus kleinsten Teilen gebildet, gleichwohl massiv und unteilbar, zu einer zusammenhängenden Masse dicht gepackt.“ Das schrieb Lukrez vor mehr als 2.000 Jahren. Im ersten Jahrhundert vor Christus, als das republikanische Rom in Wirren zu Ende ging, wollte Titus Lucretius Carus seinen Mitbürgern mit solchen Sätzen die Philosophie der Epikureer nahebringen. Tausende wohlgesetzte Hexameter in bestem Latein verwendete er darauf, die Römer davon zu überzeugen, dass nicht ihre Götter die Welt lenken, sondern der Zufall. Dass es nur diese Welt gibt, in der die Götter zwar existieren mögen, aber auch nicht mehr zu sagen haben als die Sterblichen. Und dass alles – Götter, Menschen, Tiere oder Steine – aus den gleichen Urelementen bestehen. Lukrez hat mit seinem Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“ bei den Römern wenig Erfolg gehabt, und später dann, im christlichen Mittelalter geriet der Text weitgehend in Vergessenheit. 1417 grub der Humanist Poggio Bracciolini eine Kopie in einem deutschen Kloster aus und veröffentlichte den Text, doch mit dem Ansehen des Epikurismus wurde es dadurch nicht besser: Wer ihn schätzte, verbarg das tunlichst, oder bekam es, mit der Inquisition zu tun. Heute sind die Texte von Lukrez, Epikur und ihren Mitstreiter im Internet frei verfügbar, im Original und in zahlreichen Übersetzungen. Doch bislang interessieren sich nur noch Altphilologen, Historiker und Philosophen für sie. Dabei zeigen Texte wie „Über die Natur der Dinge“, dass die antiken Wurzeln unserer Kultur oft überraschend modern wirken. Daher wagten sich der Übersetzer Klaus Binder und dem Berliner Verlag Galiani an eine deutschen Ausgabe von „De rerum natura“.

Der wunderbar gemachte Band bringt den antiken Text in einer Prosaübertragung, die sich nicht damit abquält, meisterhafte lateinische Hexameter in gedrechselten deutschen Verse zu zwängen. Binder will stattdessen „Lukrez Bild ‚unserer Welt‘ in deutscher Prosa sichtbar machen: für Leser heute“. Das ist ihm gelungen: Zu lesen ist ein wunderbar flüssiger, häufig geradezu schöner Text. Doch das hat seinen Preis: Oft bleibt unklar, wer da zu einem spricht: Der Römer aus dem 1. Jahrhundert vor Christus, oder der Übersetzer aus dem 21. Jahrhundert? Binders Kommentare geben zwar Hilfestellung, sind aber nicht ausreichend. Wer wirklich wissen will, was Lukrez gemeint hat, kommt daher nicht um die Kommentare herum, von denen Binder einige in seiner Bibliografie anführt.